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Die Stadt Kassel ist durch ihre natürliche topographische Lage im besonderen Maße begünstigt. Durchflossen von der Fulda, rundum umgeben von den Höhen des Habichtswaldes, des Kaufunger Waldes und der Söhre, ergibt sich eine natürliche Gliederung des gesamten Stadtgebietes.

Die Höhenunterschiede innerhalb des bebauten Stadtgebietes von 170 m auf 430 m bis zum Herkules, dem höchsten Punkt Kassels, weisen eine gute Voraussetzung für eine einfache, aber gut funktionierende Schwemmkanalisation auf.

In "Cassel" bestanden von alters her unterirdische Kanäle zur Entwässerung der Straßen und Grundstücke, welche teilweise vom Staat, teilweise von der Stadt und teilweise von Privatpersonen angelegt waren.

Alle mündeten ziemlich flach liegend mittelbar und unmittelbar in das Oberwasser der Fulda. Sie waren durchweg alle aus Bruchsteinen gemauert, mit Platten oder Gewölben abgedeckt und am Boden gepflastert oder auch ganz unbefestigt. Bei diesen Kanälen handelte es sich um wahllos verlegte Entwässerungsleitungen, die immer nur für die Entwässerung von einzelnen Objekten diente.

Den ersten Entwurf über eine zusammenhängende Kanalisation stellte unter Landgraf Karl (1677-1730) der hochbegabte und sehr erfolgreiche Baudirektor du Ry für die Erschließung der Hugenottenansiedlung, die "Oberneustadt", auf.

Die damals gebaute Anlage war staatliches Eigentum [Stein, Erwin: Monographien deutscher Städte], wurde allerdings erst im Jahre 1739 angelegt.

Kanäle dieser Art sind noch bis Ende 1860 gebaut worden, sie hatten um jene Zeit eine Gesamtlänge von ca. 11 km. Unvollkommen wie die Kanäle selbst waren nach heutiger Sicht auch die zugehörigen Einrichtungen in den Häusern und Grundstücken, da die Abgänge aus Küchen und Abtritten immer noch in die an der Straße gelegenen Zwischenräume der Häuser (den so genannten Winkel) abgelagert wurden, von wo sie erst dann teilweise in die Kanäle, unter Umständen aber auch erst über die Straßenrinnen in die Kanäle einflossen.

Wo überhaupt keine Möglichkeit des Abflusses gegeben war, wurden die Ablagerungen weiterhin bei gelegentlichen Reinigungen abgefahren. Der Übergang zu besseren Zuständen begann anfangs der siebziger Jahre als die neu angelegte Wasserleitung die Bedürfnisse einer regelrechten Entwässerung fühlbar machten und gleichzeitig das System der Schwemmkanalisation in Deutschland zur Geltung kam.

Von nun an wurden "Thon- und Cement-Rohrkanäle" mit runden und eiförmigen Querschnitten nach Teilprojekten für einzelne Straßen und Gebiete angelegt.

Bei den "Cement-Rohrkanälen" (Betonrohren) handelte es sich um ein Produkt was zu dieser Zeit von Eugen Dyckerhoff (1844-1924) als Betonfertigteil in seinem Zweigwerk in Wiesbaden-Biebrich hergestellt und in der Region Kassel auf den Markt gebracht wurde.

Manche dieser Kanäle haben sich aber in späterer Zeit als zu klein oder zu flach erwiesen, der größere Teil und das was bis zu heutigen Tag noch von der Kanalisation vorhanden ist, hat sich von seinem Abflussverhalten gut in das Entwässerungsnetz eingefügt.

"Dieses Kanalnetz beruhe im wesentlichen auf dem Gesamtentwurf des Stadtbaumeisters Weiss vom 18. Oktober 1879. Es zerfällt im Großen und Ganzen in drei Hauptgebiete, deren Sammler, der nördliche und der südliche Hauptkanal, bei der Artillerie-Kaserne am Anfang der Wasserstraße sich vereinigen. Die Hauptkanäle entsprechen der Bodengestaltung, und zwar der nördliche dem Tale der Angersbach-Mombach-Ahna, der südliche dem Tale der kleinen Fulda und der mittlere der Senkung zwischen Weinberg und Kratzenberg. Der nördliche Hauptkanal beginnt nahe dem Unterstadt-Bahnhofe und verläuft durch die Wolfhager-, Holländische-, Bremer- und Artillerie-Straße; der mittlere, anschließend an den ursprünglich zur Entwässerung der neuen Infanterie- Kaserne angelegten, übrigens unzulänglichen Kanal an der Hohenzollernstraße, nimmt den Weg Karthäuserstraße, Königsthor, Fünffensterstraße, Frankfurter Straße, Friedrichsplatz, Steinweg, Schlossplatz, Altmarkt, Fischgasse, Klosterstraße; der südliche läuft von der Augustastrasse durch den Philosophenweg und die Hofbleiche, dann entlang der kleinen Fulda und des Fuldaflusses, in der Schlagd mit gedrücktem Profil durch die Packhofstraße und Fliegengasse. Der Endquerschnitt der Hauptkanäle ist eiförmig mit 1,25 m Höhe. Sie vereinigen sich in dem Hauptsammler, der mit 1,80 m Höhe durch die Weserstraße, Magazin- und Gartenstraße zu dem für die bevorstehenden Kläranlagen bestimmten Grundstücke, von dort (Franzgraben) zur Fulda führt und jenseits der Stadtgrenze in den Fluss mündet. Die Ahna ist in der Weserstraße mit einem Dücker von 2 eisernen 90 cm weiten Rohren unterführt. Die Kläranlagen, deren Notwendigkeit nicht über jeden Zweifel erhaben ist, sollen im Laufe dieses Jahres ausgeführt werden. Sie bestehen in der Hauptsache aus 4 überwölbten Becken von je 38 m Länge, 4 m Breite und 2 m Wassertiefe, in denen sich die schwebenden Unreinigkeiten absetzen und zeitweilig entfernt werden sollen. Oberhalb der Becken liegen kleine Vorklärkammern, Siebe zum Auffangen der Schwimmstoffe und ein Sandfang.“ [Festschrift zur 38. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure Cassel 1897]

Nach diesem Entwurf wurde abschnittsweise gebaut und 20 Jahre später das Kanalnetz in seinen Grundzügen fertig gestellt. Um die Jahrhundertwende (1900) verfügte Kassel, das damals gerade zu einer Großstadt herangewachsen war, "über 50 km Kanäle mit 3.800 Hausanschlüssen." [Die Residenzstadt Cassel. Festschrift zur 75. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte, September 1903]

Etwa drei Viertel des Stadtgebietes war nach dem Mischsystem und ein Viertel nach dem Trennsystem kanalisiert. In den Jahren zwischen 1900 und 1914 herrschte Hochkonjunktur bei dem Bau von Kanalisation in Kassel. Allein in diesem Zeitraum investierte die Stadt Kassel fast drei Mal so viel wie in dem doppelt so langen Zeitraum zuvor. In dieser Zeit wurden in Kassel 61 km Kanal gebaut.

Die erforderlichen Finanzmittel konnte sich die Stadt durch Ausgaben von Kommunalanleihen beschaffen, die während ihrer Laufzeit durch Veräußerung von städtischem Besitz und Einnahmen aus Anliegerbeiträgen getilgt wurden. Nach der Phase des Aufschwunges ging die Bautätigkeit in den Jahren des ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit (1914  - 1924) etwas zurück. Während dieser Zeit entstanden nur 36,8 km Kanal. Ab Mitte der 20er Jahre, von 1925 - 1950, wurden in Kassel 101 km Kanal gebaut, dies stand im Gegensatz zu dem Trend im Landkreis. Hier wurde kaum noch in den Bau von Entwässerungseinrichtungen investiert. Ein Rückgang der Bautätigkeit wurde Ende der 30er Jahre festgestellt. So beschrieb der Verein Deutscher Ingenieure Cassel 1897 die Kanalisation von Kassel 1938 wie folgt:

"Die Kanalisation von Cassel ist ein Werk, das, obgleich nur allmählich und mit Schwierigkeiten entwickelt, doch jetzt ein gut gelungenes Ganzes darstellt und auch der weiteren Ausdehnung der Stadt gerecht zu werden verspricht. Es hat zwar der Gemeinde bedeutende Opfer auferlegt und wird solche noch weiterhin fordern, aber es trägt einen Wert dauernd in sich selbst, wie kaum ein anderes städtisches Unternehmen“. [Verein Deutscher Ingenieure Cassel 1987. Im Jahre 1938. Bilder der noch heute im Stadtgebiet der Stadt Kassel befindlichen historischen Abwasseranlagen]

Mit Beginn der 50er Jahre wurde wieder an der nachhaltigen Besserung der Kasseler Kanalisation gearbeitet. Die Reparatur- und Erneuerungsarbeiten nach dem Krieg waren dringend notwendig, da durch die detonierten Bomben neben den Gebäuden auch die erdverlegten Ver- und Entsorgungsleitungen zerstört oder beschädigt wurden. Die Stadt investierte in den Kanalbau und schuf 85,5 km Kanal in den Jahren 1950 bis 1960. Zwischen 1960 und 1970 erhöhte sich die Zahl auf 137,4 km. Eine weitere Steigerung der Verlegung der Kanalisation erfuhr die Stadt von 1970 bis 1980, es wurden 143,3 km verlegt.

Seit dieser Hochkonjunktur sind die Baumaßnahmen für den Kanalbau rückläufig. So baute man von 1980 bis 1990 92,5 km Kanal, von 1990 bis 2000 61,3 km.

Bis zum heutigen Tag erstreckt sich das Kanalnetz auf über 830 km Kanal, das stellt einen Wert von mehr als 150 Mio. EURO dar. Aufgrund dieser Summe kann man den Schluss ziehen, dass das Kanalnetz den größten zusammenhängenden Wertgegenstand der Stadt Kassel darstellt.

Historische Kanäle

In den nachfolgenden Darstellungen möchten wir nunmehr Zeitzeugen des Kanalbaus des 19. Jahrhunderts vorstellen, die ihre Funktion das anfallende Abwasser abzuleiten bis zum heutigen Tage in vollem Umfang erfüllen.

Beschreibung zu Bild 1:

Abwasserkanal Kölnische Straße, Erfassungsdatum 1870

Bei diesem Kanal ist das Baujahr ebenfalls nicht bekannt. Aufgrund seiner Bauausführung ist auch hier von einem früheren Baujahr auszugehen. Bei der Bauausführung handelt es sich um ein Rechteckprofil mit einer Breite von ca. 56 cm und einer Höhe von ca. 120 cm. Die seitlichen Wände und das darüber liegende Gewölbe sind mit behauenen Natursteinen hergestellt. Hier wurde zu einem späteren Zeitpunkt ein Abflussgerinne aus Beton eingebaut. Bei den Recherchen zeigte sich, dass noch andere Bereiche des Kasseler Abwassernetzes aus historischen Teilstücken bestehen.

Beschreibung zu Bild 2:

Abwasser-Kanal Untere Königsstraße / Ecke Königsplatz, Baujahr 1872

Bei diesem Kanal handelt es sich um einen Betonkanal in der Form eines Eiprofils 60/90. Im Bestand wird die Bauweise als Ausführung in Ortbeton geführt. Es ist allerdings wahrscheinlicher, dass es sich hierbei schon um Betonfertigteile handelt, die zur damaligen Zeit unter dem Namen Cement-Rohrkanäle von Eugen Dyckerhoff in Wiesbaden-Biebrich hergestellt und vermarktet wurden.

Beschreibung zu Bild 3:

Abwasserkanal Untere Königsstraße / Ecke Jägerstraße, Erfassungsdatum 1870

Bei diesem Kanal ist das Baujahr nicht zu ermitteln. Sicher ist nur, dass der Kanal lange vor 1870 gebaut wurde. Die Archivierung der öffentlichen Entwässerungs-kanäle wurde in Kassel erst ab 1870 durchgeführt. Bei der Bauausführung handelt es sich um einen Rechteckkanal mit einer Breite von ca. 75 cm und einer Höhe von ca. 160 cm. Die Seitenwände und das Gewölbe bestehen aus behauenen Natursteinen. Die Fließsohle wurde nachträglich mit Klinkersteinen gemauert.